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Mittwoch, 23 März 2016 00:00

taz: Prof. Dr. Jörg Funder über die Zukunft des Lebensmitteleinzelhandels

Autor:  

Edeka, die Nummer eins im Lebensmittelmarkt, wächst durch die Übernahme von Kaiser’s Tengelmann noch weiter. Der Handelsprofessor Jörg Funder über die Verantwortung des Kunden, das Potenzial der Biomärkte und die Pläne von Amazon. 

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„Eine Zerschlagung ist nicht realistisch“

23. März 2016

 

taz: Herr Funder, Edeka wird Kaiser’s Tengelmann übernehmen. Wird dann die Butter teurer?


Jörg Funder: Langfristig ist das gut möglich. Denn im Lebensmitteleinzelhandel ist der Markt mittlerweile so konzentriert, dass das nicht mehr zum Wohl des Kunden ist. Und je weniger Wettbewerber es werden, desto ungünstiger für die Konsumenten.

Wie konnte es dazu kommen, dass so wenige Unternehmen den Markt dominieren?

Das ist eine Entwicklung, die insbesondere in den vergangenen 20 Jahren zustande gekommen ist. Einer der Auslöser waren die Discounter: Sie haben für einen extremen Preisdruck gesorgt. Der führte dazu, dass immer weniger Anbieter mithalten konnten und es zahlreiche Übernahmen gab, um die Kosten weiter zu senken. Die Konzentration ist damit auch vom Konsumenten mit verursacht, der nicht bereit war, für Lebensmittel einen adäquaten Preis zu zahlen.

Der Kunde ist schuld – ist das nicht ein bisschen einfach?

Natürlich hätte man in der Vergangenheit auch den ein oder anderen Zusammenschluss verhindern können. Zum Beispiel die Übernahme von Plus durch Netto ...

... der ja ebenfalls zu Edeka gehört.


Und dass die Situation so ist, wie sie ist, liegt auch an den Händlern, die es anscheinend nicht geschafft haben, eine Leistung zu bieten, für die der Kunde auch etwas mehr ausgeben würde.


Lässt sich die Konzentration wieder auflösen?

Der einzige Weg wäre, Unternehmen zu zerschlagen. Das halte ich nicht für realistisch. Wir werden also mit diesen Marktstrukturen leben müssen.

Wird es für Kunden billiger, leiden die Produzenten. Wer wird die Übernahme stärker zu spüren bekommen?

Definitiv die Lieferanten. Je mehr Macht wir bei den Händlern haben, desto stärker werden sie diese Macht auch nutzen. Ein Vergleich: Der größte Konsumgüterhersteller Deutschlands, die Nestlé-Gruppe, ist immer noch mehr als zehnmal kleiner als der größte Lebensmitteleinzelhändler, also Edeka.

Gerade in Ballungsräumen eröffnen immer mehr Biomärkte – könnte die neue Konkurrenz ein Weg aus der Konzentration sein?


Tatsächlich wenden sich Kunden gerade etwas von den Discountern ab und sind bereit, mehr für Produkte zu zahlen, die sie zum Beispiel als gesund ansehen. Aber wer da gewinnt, das sind vor allem die Supermärkte. Die Edeka-Gruppe generiert mehr als 50 Milliarden Euro Jahresumsatz, Rewe ist nur ein bisschen kleiner. Da kommen neue Anbieter nicht auch nur in die Nähe. Die Biomärkte werden eher eine Nische bleiben. An den Marktstrukturen verändern sie nichts.

Die Ministererlaubnis, die die Übernahme möglich macht, sieht bestimmte Vorgaben vor, etwa Garantien dafür, Arbeitsplätze und Filialen von Kaiser’s Tengelmann zu erhalten. Ist das realistisch?

Das ist Wunschdenken. Es wird natürlich zu Entlassungen und Arbeitsplatzverlusten kommen. Alles, was die rückwärtigen Prozesse angeht, Logistik, Einkauf, Außendienst – das wird zurückgefahren werden. Und was die Garantie angeht – bei Karstadt kam es dann eben nach der Stillhaltefrist zu Entlassungen. Genau das Gleiche wird hier auch passieren.

Seit Jahren gibt es einen Schattenkonkurrenten im Lebensmittelmarkt: Amazon. Immer wieder gibt es Gerüchte, dass der US-Händler auch in Deutschland Lebensmittel verschicken wird.


Ja, Amazon wird das sicher versuchen. Ich vermute aber, dass dieser Markt eine Nische bleibt.

Warum?

Weil die Margen so extrem niedrig sind. Da werden pro hundert Euro Umsatz nur ein Euro oder weniger verdient. Das lässt solche komplexen Prozesse wie Lieferungen überhaupt nicht zu. Das heißt: Lieferangebote wird es vor allem in Ballungsräumen geben.

Also dort, wo die Versorgung mit Lebensmitteleinzelhändlern eh gut ist.


Genau. Vielleicht wird es relevanter bei haltbaren Produkten, also H-Milch oder Drogerieartikeln. Aber Erdbeeren können Sie im Sommer schon im Regal beim Faulen zusehen. Und die sollen in den Lieferwagen? Das sehe ich nicht.

 

 

Den gesamten Artikel finden Sie im folgenden Download-Bereich

Quelle: taz, 23. März 2016, Seite 9

 

Last modified on Mittwoch, 30 März 2016 08:29

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